Beim Köhler von Lauterbrunn

(Quelle „Heimatkundebuch“)

Bei einem Besuch in seiner Kohlstatt stellen wir dem Köhler von Lauterbrunn einige Fragen bzgl. Meiler und Kohlerhütte und gerne gibt er uns darüber Auskunft:

Zwei Tage und zwei Nächte sind die beiden Brennstellen noch in Betrieb, zwei. weitere Tage und Nächte muss er noch warten und aufpassen. In dieser Zeit, also 4 x 24 Stunden lang, soll er die Kohlenmeiler nicht verlassen. Da wohnt er dann auch in der kleinen Hütte, durch deren geöffnete Tür wir einen Blick  tun. Gerade fürstlich ist sie nicht eingerichtet: An der Wand ein Holzgestell als "Bettstatt", mit Stroh überdeckt. Darauf hat er sich Matratzen gelegt - von zu Hause mitgebracht. Er wohnt ja im nahen Dörflein Lauterbrunn, in einem netten sauberen Häuschen. In der Ecke gegenüber der Bettstelle siehst du eine einfach gemauerte Feuerstelle von ca. 1 qm. Auf ihr legt er sich in kalten Nächten (im November – wohl auch manchmal im Mai - vielleicht sogar im Juli) "Lösch“ auf. Dieser brennt gut, wenn er ihn angezündet hat. Man möchte nicht glauben, dass dieses schwarze Zeug so wärmt. Davon später! Neben der Tür befindet sich eine "Falle" (ein kleiner Holzladen) , die man nach außen und oben aufklappen kann. Diese Öffnung dient der Lüftung und lässt, wenn notwendig, Licht in das finstere und geschwärzte Gemach. Geschmeichelt lacht Herr Hammer - so heißt der Köhler - in sich hinein, weil jeder von uns der kleinen Hütte einen Besuch abstatten will: Mehr als zwei haben hier keinen Platz. Wir klappen von innen die Falle auf und haben im Ausschnitt  direkt vor uns einen der rauchenden Meiler. Auf dem heißen Lösch der Herdstelle ließe sich sicherlich auch Braten und kochen. Unser Köhler hat jedoch für unsere Romantik nicht viel übrig. Zum Essen fährt er lieber nach Lauterbrunn.

Wir haben uns wieder vor den zwei Meilern versammelt, ziemlich düster ist es jetzt geworden. Die Sonne steht hinter den Bäumen; da und dort blinkt ein kleiner Lichtstreifen durch Äste und Laub hindurch. Ein eigenartiges Tageslicht, durchdrungen von Rauchschwaden, breitet sich um uns aus. Und nun erzählt der Köhler uns Genaueres über den Verlauf seiner Arbeit: Der erste Abschnitt gehört dem Holztransport. Er hat es in der Umgebung aufgekauft, und zwar aus dem Besitz der Fuggerstiftung bzw. aus dem  des Staates, meist Weich- und Hartholz zusammen. Zu Hause in seinem Hof lagert er es dann 1/2 bis zu 1 Jahr - aufgegestapelt in langen Reihen - im Jahr etwa 90 Ster. Mit Roß und Wagen führt er schließlich das Holz in die "Kohlstatt" - so nennt er seinen Arbeitsplatz. Am Rande seiner zwar luftigen, aber doch windgeschützten Arbeitsstätte richtet er das Holz auf. Es ist uns wohl jetzt schon klar, dass die Kohlstätte windstill sein muss. Beim zweiten Arbeitsschritt heißt es nun ebenso fest zupacken: Die beiden Kohlenmeiler werden errichtet, und zwar auf je einem kreisrunden Untergrund, der durch in die Erde eingelassene Ziegelsteine befestigt und damit auch gegen den Waldboden isoliert ist. Diese Bodenplatten haben jeweils einen Durchmesser von 4 m und ein Gefälle von ca. 5 cm nach außen. Im Mittelpunkt der Bodenplatte ist ein unten spitzer Holzstumpf eingelassen. Er bleibt während der Zeit, wo nicht gekohlt wird, in der Platte. Nun wird er aber herausgezogen, und in dieses konservierte Mittelloch schlägt der Köhler den sogenannten König ein. Dies ist ein Pfahl von 1 m Länge. Jetzt stellt er auf diesen zwei Kreisen - je rundherum um den König - seine 1 m langen Holzscheite auf. Diese kommen - gegen diesen Mittelpfahl sich stützend - leicht schräg zu stehen.

Für die beiden Meiler braucht er ungefähr 60 Ster Holz. Ein Ster bringt ihm etwa zwei Zentner Holzkohlen ein. Dabei muss es aber gutes Holz sein. Wichtig ist auch, dass die Scheite "restlos trocken" sind, erklärt er uns. Das feuchte Holz hat für ihn nicht viel Wert, weil bei der Kohlung die Gewichtsverluste zu groß werden (Verdunstung der Feuchtigkeit). Bei nassem oder grünem Holz schrumpft der Meiler zu sehr ein. Unser Köhler möchte halt aus einem voll aufgestellten Meiler auch möglichst viel an Gewicht herausbringen. Für den Zentner erhält er ungefähr 16 bis 17 DM. Für bestimmte Holzpreise könntest du den Gewinn bei einem Brennvorgang mit zwei Meilern leicht und schnell ausrechnen. Allerdings kann uns Herr Hammer bei den schwankenden Preisen - auch je nach Güte - keine präzise Antwort geben. Der Ster schwankt bei uns zwischen 14 und 32 DM. Seine Abnehmerin ist die MAN in Augsburg, welche die Holzkohle für die Gießerei braucht.

Die Schwere der Kohle hängt natürlich von der Holzart ab. Verwendet er Hartholz (Buche und Birke), dann gewinnt er schwere Kohlen. Gebrannt werden jedoch meist Hart- und Weichholz (Fichte und Föhre) zusammen in einem Meiler. Das Aufstellen des Meilers bedeutet eine besondere Kunst. Möglichst gleichmäßig soll man dabei vorgehen. Denn sonst könnte es sein, dass der Meiler später unregelmäßig brennt. „Schöne Scheiter will ich dazu haben“, sagt er. Zuerst kommt das starke Holz mit den guten Scheiten, außen herum aber schwächeres, weil dieses später zum Kohlen gelangt. Der Meiler brennt, besser gesagt, schwelt von oben nach unten und von innen nach außen. Er ist nun im unteren Stockwerk, das heißt in seinem Kerne, aufgestellt. Jetzt wird er zugedeckt. Sodann entsteht in Höhe  von 30 cm über dem Boden ein breiter Kranz aus "Fichtenwedeln" {Fichtenzweige}, der um die äußeren Meilerscheite geflochten wird. Von diesem Kranz aus legen der Köhler und seine Frau, die ihm sehr fleißig und fast immer hilft, ebenfalls Fichtenzweige auf, so dass nun mehr der Holzberg mit einem dichten Grün überdeckt ist. Die Spitzen der Zweige nach unten! Bald ist dieses Grün jedoch verschwunden, denn jetzt tragen sie mit erstaunlicher Fixigkeit den schwarzen Lösch auf. Somit ist vorerst der Mantel des Kegelstumpfes vollständig eingehüllt und abgedichtet. Oben auf dem Dach kommt Moos zu liegen, und zwar ebenfalls recht dicht. Dabei lassen sie aber in der Mitte dieses Daches etwa 50-60 cm Durchmesser frei. Warum wohl? Dieses Loch im Moos wird nämlich  interessanterweise die Feuerstelle. Hier soll der Meiler angezündet werden; Das geschieht aber erst morgen in aller Frühe! Von jetzt ab zählen wir die Tage und Nächte und wollen sie auch so richtig miterleben: 

Tagesablauf des Köhlers 

1. Tag:

Früh 4 Uhr wird der Meiler angezündet. Auf das Dach des Meilerkernes (Kegelstumpfes) legt der Köhler in die vom Moos freigelassene Stelle Zeitungspapier, Reisig, Späne sowie kleines Holz, zündet an und lässt ungefähr 20 Minuten oben frei brennen. Und erst jetzt bekommt der Meiler seine endgültige Gestalt. Er erhält nun einen flachen Abschluss, sein letztes Dach, das man in der Köhlerei "Brücke" nennt. Der Meiler wird nämlich zugedeckt  von 1 m langen Holzscheiten, die quer über ihn zu liegen kommen. Nun endlich brennt der ganze Meiler weiter; das Feuer frisst und schwelt sich sozusagen in den nächsten Tagen und Nächten durch das Holz hindurch. Die Brücke bekommt noch eine Moosdecke und darüber Lösch, so dass der gesamte Meiler nunmehr schwarz überzogen ist. Er steht fertig da und hat ein inneres Leben, von dem man vorher nicht viel merkt. Dabei ist ihm selbst so viel Luft entzogen, dass das Feuer nach allen Seiten, d. h. nach oben (Brücke), nach unten und nach außen schwelt und glimmt. Vorerst darf noch nicht viel Rauch entstehen. Wo das der Fall ist, muss noch weiter mit Lösch abgedichtet werden. Sollte er nämlich am Anfang zu stark rauchen, dann besteht die Gefahr, dass im Innern ein Loch entsteht und der ganze Hügel irgendwo einbricht. Dem Feuer darf keine Gewalt gelassen werden, damit der Holzhaufen gleichmäßig durchglimmt. "Wenns zuviel rocht, dann got  ds Brenna auf d' Seit." Sehr viel gibt es am ersten Tag also nicht mehr zu tun. Es heißt halt aufpassen, dass der Meiler keine "Zicken" macht. Auch das Ohr kommt nun in Tätigkeit - bei dieser Überwachung. Wenn es nämlich innen schnalzt, dann ist alles in Ordnung. Der Köhler gibt zu unserer Belustigung dieses schnalzende Geräusch, das aus dem schwarzen Ungeheuer zu hören ist, mit der Zunge wieder.

Erst nach 10 bis 12 Stunden machen sich die zwei Meiler wieder bemerkbar; sie rauchen. Mit "dem Zuawarta, Aufpassa, Richta und Adichta" wird es allmählich Abend. Die erste Nacht bricht an. 

1. Nacht:

"Dös isch dö schlechtast Nacht. Do muaß ma aufpassa, daß nirgaz a Hoch entstoht, wo Fuier durchschlagt. A solchas muaß ma glei zuadecka." In dieser Nacht kann der Köhler fast nicht schlafen. Er muss ständig auf dem Sprung sein. Bliebe die Kohlstätte unbewacht, könnte - abgesehen von der Feuergefahr für den Wald - auch für den Köhler selbst allerhand passieren. Schlägt nämlich irgendwo das Feuer durch und wird dies nicht bemerkt, dann fängt der Meiler so sehr zu brennen an, dass praktisch keine oder nur wenig Holzkohle entsteht. Der Meiler ist dann wertlos geworden. Für die Köhlersfamilie ein großer Verlust! "Alls scho dogwea", sagt die Frau. Froh ist der wachhabende Köhler, wenn es zu dämmern beginnt und der nächste Arbeitstag anbricht.

 2. Tag:

Dieser bringt eine neue Arbeitsstufe, das sogenannte Füllen ("Afülla "). Die Brücke verschwindet. Sie ist bereits vollständig verkohlt; die obere Schicht auf ihr, d. h. also der Lösch, wird abgeräumt. Die Holzkohlenbrücke selbst wird sozusagen glattgestrichen, indem man sie in die unter der Brücke entstandenen Höhlen und Lücken mit hineinstreicht und -stopft. Nach diesem "Afülla" müssen das Köhlerpaar und seine Helfer eine neue zweite Brücke auflegen, wieder Fichtenscheite von 1 m Länge; und wieder dieselbe Deckschicht, wie auf der ersten Brücke. Zum zweitenmal ist der Meiler fertig und wieder vollständig mit Lösch zugedeckt. Oben muss er besonders dicht sein, denn direkt auf dem Dach soll er nicht rauchen, dafür umso eindringlicher und lustiger von allen Seiten. 

2. Nacht:

Nach dem arbeitsreichen 2. Tag freut er sich schon auf "d' zwoit Nacht. Dös isch d’ bescht. Da ka ma ruassla" (schlafen) , freilich nur in der Hütte.

 3. Tag:

Auch der 3. Tag ist verhältnismäßig gemütlich. Da muss man nur abräumen, d. h. den Lösch, und zwar zu 3/4, "da muaß ma an Koat wegtoa". Mit langen Rechen wird der Lösch heruntergeräumt und teilweise weggeschaufelt. Er kann das nächste Mal wieder verwendet werden. Damit ist die nächste Arbeitsstufe, die eigentlich der Nacht gehört, schon vorbereitet. 

3. Nacht: 

 „Dia Nacht isch no schlechter als de schlechtest", sagt er nicht ganz logisch; aber doch überzeugend. In ihr vollzieht sich nämlich die Arbeitsstufe des Ausbrennens. An vielen Stellen schlägt nun das Feuer unten durch. Und wenn das geschieht, muss sofort mit Lösch abgedichtet werden. Das ist aber auch praktisch ein Zeichen, dass der Meiler durchgekohlt, dass "der Kuchen gar" ist. Hier darf man ja kein Wasser nehmen, sondern muss den Meiler innerlich vollständig ausbrennen lassen und soll das Feuer nur da absperren, wo es hinaus will. Sein inneres Leben muss gebändigt werden.

 4. Tag:

Der letzte  Arbeitstag ist angebrochen mit der Arbeitsstufe des Auslöschens. Heute kommt der ganze Lösch weg. Mindestens vier Leute sind jetzt am Werk: das Ehepaar und zwei Helfer. Sie reißen zusammen die Brücke herunter und dann legen sie die Scheite des Meilerkernes, welche anfangs so schön reihum um den König aufgestellt waren, aus. Sie werden "ausgeschäufelt". Fein säuberlich wird er auseinandergelegt, die Holzscheite werden unten mit der Schaufel gefasst und vorsichtig herumgelegt. Ohne Wasser geht es aber jetzt nicht ab. Darum spricht man hier auch von der Arbeitsstufe des Auslöschens. Nur einige Schritte neben den Bodenplatten befindet sich unter einer hohen Birke eine Wassergrube, eine notwendige Beigabe zu jeder Kohlstätte. Auch Gießkannen stehen bereit, denn es muss ständig gelöscht werden.

 4. Nacht:

"De 4.Nacht isch o et besser." Er hat nicht  mehr viel zu tun, aber er muss die ganze Nacht Wache halten und kann praktisch kein Auge zu tun. Die Wache leistet  er ganz allein; er wird nicht abgelöst. Das traut  er sich schon zu, obwohl. er schon 66 Jahre alt ist. In der Nacht soll praktisch alles gelöscht sein. Es darf nichts mehr brennen. Die Gefahr, dass da oder dort das eine oder andere Scheit zu brennen beginnt, ist groß. Gleich bei der Hütte steht schon die volle Gießkanne. „Und die Wassergruab isch ja glei in der Näh.“

Der nun folgende Tage ist der Tag der Ernte. Er ist von der MAN festgesetzt als Lieferungstag. Mit einem Lastwagen wird die Holzkohle abgeholt. Drei Wochen oder 14 Tage vorher bestellt die MAN die Holzkohle, die dann zu dem festgesetzten Termin abholbereit daliegen muss.